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2012: Bronzeguß der Gedenktafel

Freitag, 04. November 2011

Im Gedenken an den 27. November 1944: Der Bronzeguß der Totentanztafel von Hans Walther

Im September 2011, ein knappes Vierteljahr vor dem 50. Todestag des Künstlers, stiftete ein großherziger Kunstfreund dem Initiativkreis den Abguß des Reliefs „Die Zerstörung der Barfüßerkirche” von Hans Walther aus dem Zyklus „Totentanz”. Er entstand in den Nachkriegsjahren 1946 bis 1948, kurz nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft in direkter Reaktion auf die durchlittene Barbarei. Die fünf Gipsmodelle des Zyklus waren für einen Bronzeguß vorgesehen, der jedoch nie zustande kam. Die Modelle waren 1948 in der Ausstellung „Erfurter Künstler” im Angermuseum, ein Jahr später in Weimar ausgestellt.

1978 sind vier der Tafeln aus dem Nachlaß Hans Walthers ins Erfurter Angermuseum gelangt, „Die Zerstörung der Barfüßerkirche” jedoch galt lange Zeit als verschollen. Das Original befindet sich heute in Privatbesitz.

Schnell entstand die Idee, zusammen mit dem Angermuseum den Künstler mit einer kleinen Ausstellung der fünf Totentanztafeln im Angermuseum zu ehren. Am 4. November 2011, dem 50. Todestag Walthers, eröffnete die kleine Präsentation im Foyer des Angermuseums.

An diesem Tag startete auch die Spendenaktion des Initiativkreises. Ca. 3.000,-- € sind erforderlich, um die Tafel in Bronze gießen zu lassen, dazu kommen noch Aufwendungen für Transport und Montage.

Die Reaktion der Erfurter Bürger und von Kunstfreunden aus ganz Deutschland war überwältigend: Bereits am 2. März 2012 konnte der Initativkreis beschließen, den Bronzeguß bei der Ernst Strassacker GmbH & Co. KG Kunstgießerei in Süssen in Auftrag zu geben.

Allen Spendern einen herzlichen Dank!

Am 24. November 2012, 65 Jahre nach der Entstehung des Modells, fand die Tafel ihren Platz an der Fassade der Barfüßerkirche. Im Anschluß an die Andacht im Gedenken an die Opfer der Zerstörung wurde sie in Anwesenheit der Tochter des Künstlers von Oberbürgermeister Andreas Bausewein feierlich enthüllt.

Totentanz

Um 1350 überzog, von den Kreuzfahrerhäfen Süditaliens kommend, die erste verheerende Pestepidemie Europa. Sie rottete ganze Landstriche aus und unterschied nicht zwischen Kaiser und Bettler, Nonne und Hure, Säugling und Soldat. Der Knochenmann mit Sense und die tänzelnde Gefolgschaft seiner Opfer wurde für Jahrhunderte zum Symbol des schreck-lichen Gleichmachers. Die erste Darstellung scheint jene aus der Marienkirche Lübeck gewesen zu sein (im 2. Weltkrieg zerstört). Immer zieht auf diesen Darstellungen der makabre Herrscher ein Gefolge aus allen Ständen in unter-schiedlicher Vollständigkeit hinter sich her. Tänzelnd folgen sie ihm zu seinem Fest des Sterbens. Ursprünglich gehörte zu jeder Figur ein Dialog mit dem Tod über ihre Beziehung zu Leben und zu Sterben.

Durch die Jahrhunderte veränderten sich Figurenzahl und Ausführung. Mit jeder neuen Welle von Krieg und Pestilenz entstanden neue Totentanz-Darstel-lungen, immer gleich blieb die Konstellation von Tod und Gefolge. „Totentänze” wurden als Malerei, Holzschnitt, in Büchern, auf Teppichen, an Kirchen- und Friedhofsmauern, als Steinrelief oder Schnitzwerk überliefert. Wir kennen sie aus Paris, Amiens, Lübeck, Basel, Bern, Konstanz, Luzern, Freiburg, Erfurt (die 56 Erfurter Gemälde, unter anderem von dem bedeutenden Barockmaler Jacob Samuel Beck, wurden 1872 beim Brand des evangelischen Waisenhauses zerstört).

Mit dem Thema befaßten sich u. a. Albrecht Dürer, Hans Holbein, Wilhelm von Kaulbach und Hans Walther.

Die kriegerische Gegenwart drängt immer wieder zur Auseinandersetzung mit dieser alten Kunstform der Darstellung des Schreckens.