Lina Walther berichtet vom Einsturz der Barfüßerkirche 1838

Der folgende Text ist entnommen: Lina Walther: Erinnerungen einer alten Erfurterin, Erfurt 1930, S. 107 ff.

Fast um die gleiche Zeit traf unsere Barfüßer Gemeinde ein harter Schlag, nämlich der plötzliche Einsturz der schönen gotischen Kirche.

Im Jahre 1831, obgleich ich erst ein Kind von nicht ganz sieben Jahren war, ist es mir gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen ... war ein ungewöhnlich schwüler Tag. Gleich nach Tische kam ein sehr starkes Gewitter, und wir drängten uns eng um die Tante herum, die vielleicht die ängstlichste von uns allen war. Mehrmals hatte es harte Schläge hinter uns im Walde gegeben; wir sahen einen Eichbaum brennen und stürzen -, als ein Blitz über Erfurt niederfuhr und ein Donnerschlag folgte, daß Tante Christelchen ausrief: "Wenn das nur nicht unsere Kirche war!"

Ja, sie war es. Sobald es nur möglich war, war der Vater hinausgeeilt, um mit Sachverständigen den Schaden zu besehen, wenn ich nicht irre, war auch der Bischof mitgegangen. Man fand nur unbedeutende Verletzungen; einige Dachsparren waren zerschlagen, einige Goldleisten an den kürzlich erst erneuerten Brüstungen der Empore geschwärzt, und eine ganz feine blauschwarze Linie lief an dem Pfeiler entlang. Die Sache wurde in der nächsten Zeit noch mehrmals eingehend untersucht. Man beruhigte sich aber immer mehr: ein Riß ist nicht vorhanden, der Blitzschlag hat keine Folgen gehabt. Über sechs Jahre lang, bis zum Weihnachtsfest 1837, hielt man ruhig und ohne an irgendeine Gefahr zu denken Gottesdienst in der Kirche. Am zweiten Weihnachtstage war die Kirche so gefüllt, daß alle Emporen und alle Gänge noch mit stehenden Zuhörern besetzt waren, Posaunen begleiteten das Hauptlied. Professor Scheibner, trotz seiner verstümmelten Finger ein Orgelspieler von Gottes Gnaden, vertrag den Organisten beim Ausgang, und wir standen und hörten ihm zu, bis der letzte Ton verklang. Kaum waren wir aber nach Haus gekommen, asl der Kaufmann Gumprecht, der über unserem Pfarrstuhl auf der Empore seinen Platz hatte, mit der Schreckenskunde kam: "Es zog heute durch den Pfeiler neben meinem Sitz; es ist auch ein Riß zu sehen und rieselte zuweilen etwas wie Sand herunter." Der Vater, obgleich noch völlig ruhig und ahnungslos, ging natürlich gleich, um den Baumeister zu holen, und kam ganz niedergedrückt und erschrocken wieder bei uns an. Ja! wo der Blitz vor sechs Jahren seine feine blaue Linie gezogen hatte, da lief jetzt ein sehr bemerkbarer Riß, und die Baukommission erklärte: "Es darf unter keiner Bedingung wieder in der Kirche Gottesdienst sein, nicht einmal heute nachmittag." Da niemand in der Gemeinde an eine Gefahr glauben wollte, war man beinah empört darüber, daß die Kirche geschlossen wurde. Sämtliche benachbarten Gemeinden boten ihre Kirchen zur Benutzung an, und so feierten wir die Neujahrsgottesdienste in der Predigerkirche. Es wurden nun auch aus Berlin Sachverständige zugezogen; alle waren darüber einig, daß die Lage gefahrvoll sei. Es wurde beschlossen, die bedrohten Gewölbe und Leerbögen zu unterfahren und dann den Versuch zu machen, durch eiserne Klammern die Risse wieder zusammenzuziehen. Am 7. Januar predigte der Vater ebenfalls in der Predigerkirche über die Stelle: "Deine Bauleute werden eilen, und deine Zerbrecher werden sich davonmachen," ohne eine Ahnung, in welchem Sinn dies demnächst wahr werden sollte. Am Montag, dem 8. Januar, nachmittags 2 Uhr, war der Kirchenvorstand, die Baukommission und eine Anzahl Maurer und Zimmerleute, zusammen 48 Männer, im Schiff der Kirche versammelt; der Vater war soeben mir dem Jusitzrat Rötger auf den Emporen an der bedrohten Stelle gewesen und hatte die Arbeiter, welche die Brüstungen lösten, ermahnt, dieselben so wenig wie möglich zu beschädigen, da man doch hoffen könne, sie bald wieder anzuschlagen und stand mit einigen anderen Herren an dem Tisch, auf dem der Bauplan ausgebreitet war, als er hört, wie der Baumeister einen Arbeitsmann anweist: "Du siehst jetzt unverwandt da hinauf nach dem Schlußstein des Gewölbes, entdeckst du da die leiseste Bewegung, so schreist du: Rettet euch! Dann stürzt ihr alle nach der Orgel zu, sonst seid ihr verloren!" Kaum hat er ausgesprochen, so ertönt der Schreckensschrei, und mit einem Schlage stürzt das hohe, herrliche gotische Gewölbe in der Spannung von vier Pfeilern samt diesen und dem Dach zusammen. Die Herren von der Kommission standen nicht in der Nähe der Orgel sondern in der Nähe des hohen Chores und wußten selbst nicht, wie sie in eine Nische, darin früher wohl ein Heiligenbild gestanden, und von da in eine angebaute Kapelle gekommen waren. Die Kapelle war von außen geschlossen, und sie mußten lange klopfen, bevor man ihnen auftat. Der Vater eilte zuerst nach seinem nahen Hause, um die Mutter zu beruhigen, welche wußte, daß er in der Kirche war, und vom Flur und der Hinterstube aus die Kirche sehen konnte. Er fand sie ganz ahnungslos unter ihrem lärmenden Kinderhäufchen in der Vorderstube, nun freilich sehr erschrocken über sein Aussehen und die große Gefahr, in der er geschwebt hatte. Er nahm sich nicht Zeit, seine bestaubten Kleider zu wechseln, sondern eilte schnell zurück; denn noch wußte er nicht, was aus den anderen geworden war, schien es doch bei der Plötzlichkeit des Sturzes kaum möglich, daß alle gerettet waren. Aber, Gott sei Dank! "Der Herr hat seinen Engeln befohlen über dir!" Es fehlte keiner. Wir saßen in der Schule dicht neben der Kirche. Unsere Klasse war aber nach der anderen Seite, und während mein Onkel in Ilversgehoven den Krach gehört hatte und auf seinem schnellsten Pferde angesprengt kam, hörten wir in unserer Klasse kaum ein Geräusch. Wir sahen erst die Verwüstung, als uns der Herr Direktor Weingärtner hinüberholte an die andere Seite des Hauses, wußten aber nicht, daß der Vater in der Kirche gewesen war. Dennoch war mir es tagelang, als ob die Mauern um mich her wankten und schwankten, und mein armer Vater hatte ein recht schweres Nervenübel davongetragen, das ihn lange Jahre nicht verließ. Seine Kanzel war an dem ersten Pfeiler, der an der Grenze der Verwüstung stehen geblieben war; sie war unversehrt und steht noch heute. Nun sah er Tag und Nacht das schreckliche Bild: Wenn die Kirche am zweiten Weihnachtstag eingestürzt wäre, und er hätte seine Gemeinde und alle seine Angehörigen erschlagen zu seinen Füßen sehen müssen! ...

... Es war so viel Erhebendes bei dem Ereignis, so vieles, was zum Dank gegen Gott und Menschen aufforderte: die wirklich wunderbare Behütung und Errettung von achtundvierzig Menschen, die liebevolle Bereitwilligkeit der Nachbargemeinden, uns nach Kräften beizustehen, die Willigkeit, mit der die engsten, sonst sorglich gehüteten Geldbeutel sich auftaten, der Liebeseifer, der alle ergriffen, und das Gemeinschaftsgefühl, das das allgemeine Leid in der Gemeinde geweckt hatte. Zunächst wurde nach reiflicher Beratung das schöne, große hohe Chor durch eine Mauer von der Kirche getrennt, wer einen Platz darin haben wollte, schickte Stühle hinein, manche auch mehr als Hausgenossen vorhanden waren, und es stand so ganz enge ein Stuhl bei dem anderen, daß nur ein schmaler Gang für den Geistlichen blieb, wenn er zum Altar ging, wo natürlich auch die Predigt gehalten werden mußte. ...

Was aber nun weiter? Die Barfüßerkirche war arm, auch in der Gemeinde wenig Reichtum an irdischem Gut. Eine Landeskollekte wurde bewilligt und noch eine besondere Staatshilfe in Aussicht gestellt unter der Bedingung, daß die Kirche der Militärgemeinde zur Mitbenutzung überlassen werde. Der Vater fand eine gewisse Billigkeit in dieser Forderung und wußte zudem, daß es der einzige Weg war, in verhältnismäßig kurzer Zeit den Wiederaufbau der Kirche zu erleben. Der Justitiarius bekämpfte die Forderung aber auf alle Weise, und diese Kämpfe im Kirchenvorstande selbst, gegen einen Mann, mit dem er Gefahr und Errettung geteilt hatte, waren sehr anstrengend für Vaters Gemüt. Natürlich mußte doch schließlich seine Ansicht durchgehen; es blieb gar nichts weiter übrig bei der Unzulänglichkeit der eigenen Hilfsquellen. Nach Jahren, als wir schon lange in Magdeburg waren, durfte ich meinen Vater nach Erfurt zur Einweihung der sehr schön wieder erstandenen Kirche begleiten. Unstreitig macht sie nun ohne Einbau in das Seitenschiff und ohne Emporen auf den Beschauer einen viel größeren Eindruck, aber leider ist ihr verloren gegangen, was sie früher in so hohem Maße besaß. So lange nämlich die Emporen darin waren, konnte man jeden Prediger, wenn er nicht allzu undeutlich sprach, in jedem Winkel der Kirche verstehen. Jetzt ist das nur in einem sehr mäßig großen Raum in der Nähe der Kanzel möglich.

Weitere Informationen

  • Jahreszahl: 1838
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