Musikfest 1811

Nach 1814/15 wurden in ganz Deutschland Musikfeste ein kulturelles Phänomen mit Massenwirkung. In ihnen kulminierte ein gemeinsames Musizierbedürfnis als Ergebnis einer gemeinsamen Lage und aus einem das gemeinsame Schicksal und die gemeinsamen Niederlagen begreifenden Geist heraus.

Dieses Musizierbedürfnis entsprang einem Drang, der sich über das allgemein menschliche Musikbedürfnis hinaus aus der sozialen und politische Lage gebildet hatte. Die politischen Umbrüche in Frankreich lösten Erschütterungen in ganz Europa aus. In ihrem Zentrum wirkten die Emanzipationskämpfe des Bürgertums als logische Folge der sozialen Spannungen in den europäischen Monarchien und Fürstentümern, verschärft durch Napoleons Feldzüge und Besatzungspolitik. Die Erkenntnisse der Aufklärung hatten aus den Domänen Philosophie, Naturwissenschaften und Künste heraus unmittelbare Wege über Salons und Akademien in die Politik gefunden, sich zu neuen, über die Monarchie hinausweisende Zielen gebündelt und damit der gesamten europäischen Gesellschaft Wege zur Veränderung eröffnet. Geisteswissenschaften und Künste profilierten sich in diesen Konflikten und wirkten ihrerseits profilierend. Sie gipfeln in den Losungen der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. So eingeschränkt sich diese Postulate auch verwirklichten – sie waren von solcher Brisanz, daß sie weiterwirkten.

Die Musik erwies sich bald als ein hoch emotionales Medium, in dem sich die neue Sicht auf den Menschen und seine Rechte mit hohem Pathos ausdrückte oder gar entlud. Im gemeinsamen Musizieren realisierte sich dieses Bedürfnis nach der Aufhebung überlebter monarchistischer Herrschaftsverhältnisse und aristokratischer Privilegien lyrisch, utopisch, euphorisch und rebellisch mit geradezu provokanten Bekenntnissen zu Gleichheit, Menschenrechten und Menschenwürde als den verbindenden Dominanten über den sozialen Verwerfungen, als das Maß von Menschlichkeit und als göttlicher Wille.

Im Oratorium fand der Geist der europäischen Aufklärung und das ungeheure hoffnungsgetragene Pathos dieser Jahre inspirierende künstlerische Gestalt. Zeitgleich wurde – quasi als Reaktion auf die in Deutschland nicht tragenden sozialen Veränderungen - das allenthalben in der Bevölkerung lebende Lied-, Musik-, Spruch- und Erzählgut von der künstlerischen Elite als elementar und substantiell begriffen.

In den Werken Haydns, Mozarts, Beethovens, später Schuberts, Webers, Brahms, Nicolais, Flotows, auch Liszts fanden breite Bevölkerungsschichten dieses – ihr – Musikgut und ihre Liedtexte auf bislang nie gehörter ästhetischer und ethischer Höhe wieder. Es entstanden Lyrik und Lieder über die Innenwelten der einfachen Menschen von hoher Sensibilität und Innerlichkeit, derber Spott verfeinerte sich brillant zur Ironie, die innere und äußere Welt des bürgerlichen Menschen, des Sinnsuchers, des „Wanderers“, wurde zum Gegenstand von Kunst.

Musik wurde so nach 1800 zu einer Kunstform mit hoher Bindungs- wie Sprengkraft, vergleichbar dem Phänomen Woodstock, dem Gewicht des Kirchengesangs der protestantischen Gemeinden während der Gegenreformation, dem Gospelgesang der schwarzen Sklaven, den musikalischen Protesten unter der Apartheid in Südafrika. Sie war – wie das Theater – die öffentlichste Kunstform, deren Wirkung durch die Gemeinsamkeit des Erlebens eine nicht gekannte Steigerung erfuhr. Es erinnert an das „mea res agitur“ des antiken Theaters, das unvermeidlich in dieser Zeit in neuen, genauen Übertragungen die Spielpläne eroberte und dessen Heldinnen und Helden „in tyrannos“ vom chorus Rückhalt und moralisches Gewicht erhielten (ein regelrechter Antigone-Kult entstand, Antigone als Heldin und tragisches Opfer gegen König Kreon für Menschenwürde und Menschenrecht bei strenger Unterordnung unter den Götterwillen). Identifikation mit den literarischen und musikgeformten Helden entsprang dem großen Bedürfnis nach sozialer Bindung, und neuer, hoher Wertigkeit des bürgerlichen ICH.

Die napoleonischen Kriege „verhalfen“ ungewollt - besonders im deutschsprachigen Raum - dem Musikleben auch zu Bedeutung im nationalen Selbstfindungsprozess. Antinapoleonische Lieder entstanden und wurden populär. („Auf, auf, Kameraden, aufs Pferd…“, „Lützows wilde, verwegene Jagd“…). Musik wurde also zur „vaterländischen Angelegenheit“. Vor allem aber verließ sie die Theater-, Fest- und Konzertsäle, Kabinette und Salons der Aristokratie bzw. das Bürgertum gewann Zugang zu diesen Kunstorten und schuf sich eigene. Haydns „Schöpfung“ und bald auch Beethovens „Eroica“ und „Neunte“ erfüllten – an Aufführungsstatistiken gemessen - augenscheinlich die Sehnsucht nach der humanistischen Botschaft von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit am innigsten und kraftvollsten.

Begünstigend wirkte sich der Umstand aus, daß das strikte Versammlungsverbot (unter Metternich in Österreich) nur eine Ausnahme kannte: Treffen zum Zweck des Musizierens, das irrtümlich vom Polizeiapparat für harmlos gehalten wurde und damit eine ungeahnte Fülle musikalischer Ausdrucks- und Veranstaltungsformen hervorbrachte – u. a. Schuberts lyrische Proteste in moll.

Kurzum, die Zeit war reif. Das Bürgertum erhob sich quer durch alle Schichten vom dankbaren Hörer zum Organisator, Erzeuger und Träger von Musik, seiner Musik. Dieser Vorgang manifestiert sich nachdrücklich in den ersten thüringischen Musikfesten in Bad Frankenhausen und Erfurt. Sie wurden der Nährboden der Gesangsverein- und Chorgesangbewegung, sie brachten das öffentliche Konzertwesen hervor: städtische Orchester, eine ungeahnt große Zahl von Dilettantenvereinigungen mit offenbar hochachtbarer Könnerschaft, neue Ausbildungsstätten und private bürgerliche Musik-Bildungsmöglichkeiten (vgl. Mendelssohns Schüler in Leipzig..) und ein umfängliches, spezialisiertes Verlagswesen. Mit und durch Musik vollzog sich über die vielen innerdeutschen Grenzen hinweg eine erste nationale und demokratische „Übung“, auch wenn bis zur Reichseinigung noch mehr als ein bewegtes halbes Jahrhundert vergehen sollte.

 

1. Musikfest FRANKENHAUSEN 1810

Die Anstellung von Johann Georg Friedrich Bischoff (1780 - 1841) als Kantor und Musiklehrer in Frankenhausen wurde zum Auslöser eines lebhaften Musiklebens, wie überall auch hier auf der Basis von Kirchenmusik und dem Singen und Musizieren als Bestandteil des All- und Festtags.

1804 gelingt Bischoff die Aufführung der „Schöpfung“ mit ca. 100 Mitwirkenden. Bemerkenswert ist, dass das Werk erst sechs Jahre zuvor uraufgeführt worden war. Diese Aufführung ist quasi der Probelauf für das Ereignis 1810.

Die Idee dieses zweitägigen Musikfestes ist Bischoff zu danken. Er bringt durch öffentliche Aufrufe 200 Mitwirkende aus Gotha, Rudolstadt, Erfurt, Weimar, Leipzig, Ballenstedt, Quedlinburg, Clausthal, Nordhausen, Sondershausen und umliegenden Ortschaften auf die Beine.

Aufführungsort: Die Unterkirche

Programm:
1. Tag
2. Tag


Die Schöpfung
Orchesterkonzert mit zeitgenössischen Komponisten
Dirigent: Louis Spohr, Hofkapellmeister in Gotha

Fazit: kaum Gewinn, 2000 Taler Unkosten, jedoch ein rauschhaftes, beglückendes, über Jahre nachwirkendes Erlebnis infolge des bis dato nicht gekannten gemeinsamen Musizierens von Menschen aus Regionen, die einander zuvor als fern, fremd und andersartig empfunden hatten und die man nun als Gesinnungs- Leidens- und Erlebensgenossen begriff. Das von Bischoff formulierte Ziel: „Kennenlernen im Musizieren“ hatte sich nicht nur erfüllt, es wurde zur tragenden Kraft für die künftigen Feste, auch jenseits der Kyffhäuser-Region.

Bischoff veranstaltet 1811 und 1815 noch weitere Musikfeste in Frankenhausen, der Schwerpunkt war aber durch eine Order der französischen Verwaltung nach Erfurt gerückt. 1816 geht Bischoff nach Hildesheim und organisiert von dort aus zahlreiche weitere Feste unterschiedlicher Dimension.

 

2. Musikfest ERFURT 1811

Das französische Gouvernement war auf die Qualität und Massenwirkung des Frankenhausener Musikfestes aufmerksam geworden, fand es passend als Folie für den Kaisergeburtstag und den Kaisergeburtstag vermutlich einen Anlaß, diese aufblühende Bewegung klugerweise selbst in die Hand zu nehmen. Ein Napoleonfest wurde avisiert, Bischoff durch ein „ungesuchtes kaiserliches Patent“ zum spiritus rector und Musikdirektor bestellt. Der Tag – der 15. August – ist dem Anlaß geschuldet.

Trotz dieser heiklen Situation – was hätte er tun sollen? – kündigt Bischoff für den 15. und 16. August 1811 eine „festliche Feier deutscher Tonkunst und Tonkünstler“ in Erfurt an. Sein Plan:

15. August - im Dom von 20 bis 23 Uhr: Auswahl erster Meisterwerke deutscher Komponisten

16. August - im Dom von 9 bis 12 Uhr: Joseph Haydn "Die Schöpfung"

Er plant 250 – 300 mitwirkende Künstler ein.

Die öffentliche Ausschreibung erfolgt über die Presse und richtet sich an alle kompetenten Orchestermusiker der nahen und weiteren Umgebung. Am Ende verfügt er über 130 Orchestermusiker aus Erfurt, Sondershausen, Gotha, Rudolstadt, Weimar, Leipzig. Unter den Streichern befinden sich viele Dilettanten. Die Landesherren stellen Mitwirkende aus ihren Orchestern ab.

Chöre: 148 Personen aus Erfurt, Gotha, Sondershausen Frankenhausen, Weimar, Tennstedt, Arnstadt, dazu Orchester und Solisten.

Aufführungsort ist die BARFÜSSERKIRCHE. Gründe für den Ortswechsel sind nicht ermitteln. Sie könnten ideologischer (katholische Kirche und Napoleon!, siehe Eklat der Kaiserkrönung) wie pragmatischer Natur sein – Fassungsvermögen des Raums z. B. Forschungen im Domarchiv könnten evtl. Aufschluss geben.

Programm:

Am 15. August große musikalische Akademie 20.00 Uhr bis 23.00 Uhr

  • Beethoven, 2. Sinfonie

  • Mozart – Szene u. Arie aus „Titus“

  • Spohr - Konzertante f. 2 Violinen

  • Mozart – Ouvertüre zu „Die Zauberflöte“

  • Nicolini - Duett

  • Spohr – Klarinettenkonzert

  • Einleitung an der Orgel

  • Mozart – „Splentente te“ mit Chor, Orchester und 4 Solisten

Am 16. August vormittags 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr

  • Joseph Haydn – „Die Schöpfung“

Solisten:

Mme. Willmann (Kassel), für die die Partie ursprünglich geschrieben worden war
Mme. Scheidler Gotha
KM Methfessel, Rudolstadt
MD Wagner, Schleiz
KM Strohmeyer, Weimar
KM Möglich, Wien

Zwischen erstem und zweitem Teil der „Schöpfung“ sang Madame Willmann eine Arie von Naumann (??)

Aus Berichten kann man folgern: Unter den Teilnehmern stellte sich auch hier über das Musizieren eine besondere festliche Stimmung ein; der Kaisergeburtstag findet keine Erwähnung mehr, man findet sich in „Gevatternschaften“. Was beim Biere geredet wurde, wissen wir nicht. Mit Sicherheit auch Politisches.

 

Die Musikfeste von 1812 bis 1815

1812 findet eine weitere musikalische Akademie zum Napoleon-Geburtstag statt, nun in der Predigerkirche. Beide Konzerte liegen in Spohrs Händen. Es erklingt vorrangig deutsche Musik. Im Steiger findet anschließend die Weihe des „Napoleons-Tempels“ statt.

Die Feste 1813/14 fallen wegen des Krieges aus.

1815: Bischoff plant mit Unterstützung von Carl Maria von Weber neu, die Absichtserklärung ist stark national geprägt: „Die diesjährige Musikaufführung soll … zugleich durch eine patriotische Tendenz dem Ganzen einen erhabenen Stempel aufdrücken, sie dem Herzen jedes Deutschen noch inniger verschwistern, noch teurer machen. Sie erscheint unter dem Titel einer ‚Deutschen Siegesfeier der Tonkunst’ am Schlusse der Gedächtnistage der großen Völkerschlacht. Dieses Namens würdig, lasst mit Zuversicht voraussehen, dass das Fest die zwei vorangegangenen … noch übertreffen werde.“

In verschiedenen Bewertungen der Musikfeste schlägt sich nieder:

  1. Ihre Bedeutung wird an der Horizont- und Bewusstseinserweiterung von Hörern und Teilnehmern festgemacht, an teils über Jahrzehnte haltenden Verbindungen der Beteiligten und an der Fülle für Musikfeste neu entstehender Kompositionen

  2. Das gesamte Musikleben bekommt einen nachhaltigen Anschub; Musik manifestiert sich , auch durch die breite Trägerschaft, zum Merkmal der entstehenden Nationalkultur.

Weitere Informationen

  • Jahreszahl: 1811

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