Kittel, Johann Christian

Johann Christian Kittel
Organist an der Barfüßerkirche, Komponist

(18. 02. 1732 Erfurt – 18. 05. 1809 Erfurt)

„Am 18. Mai 1809 starb Kittel, der letzte noch lebende Schüler Sebastian Bachs, zu Erfurt im 86. Lebensjahr und in ziemlich dürftigen Umständen. Hätte der gute Mann nicht eine kleine Pension von dem menschenfreundlichen edlen Fürstprimas (C.Th.v. Dalberg) gehabt, hätte er wahrscheinlich nicht einmal sein Leben fristen können.“

Der einzige bekannte Nachruf des URANIA- Herausgebers G.W. Körner erschien 1850. Er umreißt treffend Glanz und Elend des wahrscheinlich vorzüglichsten von vielen vorzüglichen Erfurter Musikern des ausklingenden Barock.
Die erste Ausbildung hatte Kittel in Predigerschule und Ratsgymnasium erhalten, so daß er sechzehnjährig als Schüler für Orgel und Komposition bis zu Bachs Tod 1750 nach Leipzig gehen konnte. Bach wurde in diesen Jahren von der nachrückenden Generation schon heftig angefochten. Das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Schüler und Meister blieb davon unbeeinflußt und brachte im folgenden halben jahrhundert außerordentliche Früchte hervor. Kittels Wirken an der Orgel, als Musikpädagoge und in Kompositionstheorie ist es im Wesentlichen zu danken, daß die Tradition des Kontrapunkt in Thüringen nie verloren ging.

1750 wird er Organist an der Bonifacius-Kirche Langensalza und Lehrer an der Mädchenschule. 1752 heiratet er. Die Berufung an die Barfüßerkirche nach Erfurt befreit ihn nicht nur vom ungeliebten Schuldienst, der ihn vom Komponieren abhielt. Er kann endlich vollkommen in seinem Beruf aufgehen. 1762 wechselt er als Nachfolger Pachelbels an die Predigerorgel. Auf der Orgelbank der Barfüßerkirche rückt sein blutjunger Neffe Johann Wilhelm Häßler nach, dessen Nachfolger wiederum Michael Gotthard Fischer wird, gleichfalls dankbarer, vielseitig schaffender Schüler Kittels.

Die Öffentlichkeit begriff Kittels phänomenales Können als Organist, Pianist und Orgelkomponist erst allmählich. Die größte Bedeutung hatte wahrscheinlich seine Lehrbefähigung, die sich so außerordentlich an Häßler und Fischer bewies. Bis zu seinem Ende blieb er Bach tief verbunden, auch wenn er sich mit Mozarts und Haydns Schaffen bewundernd auseinandersetzt. Sein pädagogisches Vermächtnis faßt er in einem dreiteiligen Werk „für den angehenden praktischen Organisten“.

Dalberg, Goethe, Herder und Wieland verehrten ihn, Anna Amalia besucht ihn in Begleitung Friedrich Schillers. Ein glückliches Leben? Er hatte an den Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges und insbesondere an den verheerenden Folgen von Herrschaftswechseln und Krieg nach 1802/03 schwer zu leiden. Das Land verarmt, die Stadt verarmt und er, der alte Musiker, verarmte völlig. Er war plötzlich übrig. Sein Nachlaß wurde trotz Vorsorge zerstreut, der größte Teile seiner Sammlung unersetzlicher Bachscher und Händelscher Handschriften verbrannte später bei einem Wohnhausbrand in Berka an der Ilm.

(Quelle: Helga Brück zur Musikgeschichte der Barfüßerkirche, als Manuskript)