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Häßler, Johann Wilhelm

Johann Wilhelm Häßler
Organist an der Barfüßerkirche, Komponist

(Erfurt 22. 8. 1747 – Moskau 20. 3. 1822)

Sein Vater war Strumpf- und Barettfabrikant und Plüschhersteller (verstorben 1769), seine Mutter die Schwester des Organisten, Komponisten und Musikpädagogen Johann Christian Kittel (verstorben 1790). Zwischen Lust und Last dieser beiden Lebensentwürfe mußte sich Häßler immer wieder entscheiden.

Johann Wilhelm besuchte die Barfüßer-Gemeindeschule und wurde in der väterlichen Fabrik zum Strumpfstricker ausgebildet. Seine Zukunft schien festgelegt. Daneben unterrichtete ihn sein Onkel Kittel in Orgelspiel und Musiktheorie. Als Vierzehnjähriger legte er mit Bravour die Orgelprüfung ab und konnte somit der Organist der Barfüßerkirche werden, während Kittel die frei gewordene Stelle an der Predigerkirche übernahm.

Das Doppelleben ging trotzdem weiter, denn Gesellen-Wanderjahre waren Pflicht. Er nutzte sie, um u. a. in Leipzig, Dresden und Bautzen Konzerte zu geben. Der Strumpfstricker mit Organistenpaß sammelte Erfahrung, Kontakte und gewann Ansehen.

Nach dem Tod des Vaters führte er dessen Geschäfte weiter und wurde gleichzeitig durch seine künstlerische Existenz mit zahlreichen Prominenten der Zeit bekannt - in Gotha macht er Furore als Klaviervirtuose, für die beeindruckte Weimarer Herzogin Anna Amalia schrieb er eine Klaviersonate für drei Hände …

Er wollte den Horizont der Bürger seiner Heimatstadt weiten: 1780 gründete er nach Leipziger Vorbild die öffentlichen Winterkonzerte. Der Vorreiter sich emanzipierender bürgerlicher Kulturbedürfnisse fand die erstaunlichste Unterstützung in seiner Frau Sophia als Sängerin, Pianistin und Dirigentin, später auch als organisierende, disponierende Direktorin. Modern waren auch die Kirchenkonzerte, zu denen er Landschulmeister und Musikliebhaber in die Stadt einlud. Für sie organisierte er im Juli 1787 in der Barfüßerkirche eine Aufführung des 65. Psalms von Kapelldirektor Reichardt nach Moses Mendelssohns Übersetzung und des „Heilig“ von C. Ph. E. Bach in doppelter Instrumentalbesetzung.

1790 führte ihn eine Konzertreise nach England. In London konzertierte er mit Joseph Haydn. Sein Name war nun bekannt. Eine Einladung nach St. Petersburg bot sich zu einem „Abstecher“ an. Die Kriegsereignisse verzögerten seine Rückreise. Er wurde bald kaiserlich – russischer Hofkapellmeister, Klavier- und Gesangslehrer der Kinder des Großfürsten Paul und Mitbegründer der Petersburger Musikgesellschaft. Mit dem Gothaer Verleger Gerstenberg gründete er einen Musikverlag mit Druckerei, in dem er auch seine Kompositionen verlegte, vor allem aber russische Komponisten zur künstlerischen Äußerung anregte.

1794 löste er sich vom Zarenhof und zog nach Moskau. Als freier Künstler erwarb er sich hohes Ansehen als Musikpädagoge, Orgel- und Klaviervirtuose und Komponist. Beim Brand von Moskau 1812, dem Auftakt zur Vernichtung von Bonapartes Heer, ging mit seinem Hab und Gut auch der Musikalienbestand verloren.

Häßler wurde auf dem deutschen Friedhof in Moskau begraben. Seine Verehrer stifteten eine Medaille und ein Grabdenkmal.

Häßlers sieben Kinder – die Jüngste, Regina Henriette wurde 1790 geboren – hinterließen uns gleichfalls beachtliche Lebensspuren. Eine führt zu dem Maler Friedrich Nerly, dem Erfurt den Anfang des Anger-Museums dankt.

 

siehe auch: Blogartikel vom 18. April 2019