Cinna von Vargula, † 1370

Die Wappen zu Seiten des Kopfes gehören den Familien Ziegler und von Vargula. Die Umschrift in erhabenen gotischen Minuskeln lautet: *Anno Dni M c c c l x x feria quarta ate lucie o Cine que fuit filia frederici de varila et uxor rudolfi filii giseleri zcigeleres - Im Jahre des Herrn 1370, am Mittwoch vor [dem Tag der heiligen] Lucia starb Cinna, die die Tochter des Friedrich von Vargula und die Ehefrau Rudolfs, des Sohnes von Giselher Ziegler, war.

Die Grabplatte ist eines der Meisterwerke der Erfurter Plastik der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sie gibt die frontale Gestalt der wohl in relativ jungen Jahren verstorbenen Cinna gleichsam im Schwebezustand zwischen Idealität und Gegenwärtigkeit; sie erscheint anmutig und kraftvoll, hoheitsvoll und gelassen,
individuell und überpersönlich zugleich.

Auf einer profilierten Konsole stehend (wie die jeweils drei Figuren des Grabmales eines Grafen von Gleichen im Dom und der Deckplatte des Severi-Sarkophages), die Füße unter dem schleppenden Faltenstau des langen Kleides verborgen, steigt die sehr schlanke Gestalt, in nur mäßig hohem Relief gearbeitet, straff aufwärts. Die Hände sind betend vor dem Oberkörper zusammengelegt, die Arme fest in das Manteltuch eingebunden; das schmale, ovale, lächelnde Gesicht ist von dem gerüschten Kruseler umrahmt. Feinfühlig und überlegt ist die Gestalt ausponderiert, die starre Symmetrie gelockert, werden Stand- und Spielbein und die nur leichte Verschiebung des Oberkörpers spürbar. Die zeichnerische, pointierte Faltensprache von Kleid und Mantel betont den organisch-funktionalen Aufbau des Körpers und seine Plastizität im Wechselspiel von Verhüllen und Freilegen, besonders eindringlich in der Art, wie kreisende Falten den Leib markieren oder sich die Schultern unter den Säumen des Kruselers runden. Rhythmisch belebend sind Details zu den großen Formen gefügt: die strukturierte Rüsche des Kruselers, die Brosche, die Knöpfchen an den Ärmeln, die sensible, sietlich sich schlängelnde Saumlinie des Mantels. Ebenso stehen in der Gesamtanlage der Platte die Figur, die Wappen und die sorgfältig gemeißelte und nur wenig erhabene Schrift in einem rhythmischen, genau ausgewogenen Verhältnis zur Fläche und zueinander, so daß sich die Gestalt auf der Platte frei behaupten kann und doch gleichzeitig von Wappen und Schrift gerahmt wird.

Die Grabplatte ist sicher sogleich nach dem Tod der Cinna gearbeitet worden. Der unbekannte Meister war vertraut mit den plastischen Ausdrucksmöglichkeiten der Zeit nach der Jahrhundertmitte, seine Auffassung wurzelte aber noch im gotischen Figurenideal. Seine Werke tragen den Stempel einer außergewöhnlichen stilisierenden Formkraft.

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