Das Schicksal der Glasmalereien im 19. Jahrhundert

Die letzten umfangreichen Instandsetzungsarbeiten an der Kirche lagen mehr als 200 Jahre zurück, der dreißigjährige und der siebenjährige Krieg waren über Erfurt hinweggegangen, die napoleonische Besatzung wieder abgezogen, Erfurt war zum Sitz eines Regierungsbezirkes in der neuen preußischen Provinz Sachsen geworden. In einer der frühesten gedruckten Beschreibungen der Barfüßerkirche beklagt Constantin Beyer 1823, die gewaltige Weite des Kirchenraumes sei wegen zahlreicher Einbauten nicht mehr erlebbar, weil „die vielen Emporkirchen und zwischen die Pfeiler eingezwängte Stühle die Totalwirkung hemmen, und den freien Durchblick nach dem kühn gebauten Chore hindern“.

Diesen Mißstand zu beseitigen trat Johann Friedrich Möller, seit dem Tod seines Vorgängers 1828 erster Pfarrer der Barfüßergemeinde, mit Blick auf das 600jährige Jubliäum der Kirche, für das er das Jahr 1832 annahm, an. Doch schon im Frühsommer 1829 klagt er: „Das Unternehmen ist so viel kostspieliger geworden,“ weil „seit siebenzig Jahren keine Reparatur von Belang statt gefunden hat und sich täglich neue Mängel und Bedürfnisse [offenbarten], deren Abhilfe von uns eben so nothwendig gefühlt als von den Eingepfarrten laut gewünscht wurde.“

Der vom Magistrat gewährte Kredit und das Vermögen der Gemeinde waren offenbar nicht ausreichend, alle vorgesehenen Arbeiten ausführen zu können. In dieser Situation erhielt die Gemeinde das Angebot des bereits mit der Restaurierung der Glasgemälde im Erfurter Dom beschäftigen Stanislaus de Pereira, die bislang zurückgestellte Ausmalung der Kirche „gegen Überlassung des im Chor befindlichen, einzelne Fenster theilweise bedeckenden bunten Glases zu besorgen und durchführen zu wollen“. Weil „das bunte Glas, selbst in dem Falle, daß noch eine bedeutende Summe auf dessen Zusammenstellung in einer Fläche verwendet würde, doch nur drei Fenster zur Hälfte bedecken würde“, teilt Pastor Möller am 27. August 1829 der Superintendentur mit, dieses Erbieten „umso unbedenklicher annehmen zu dürfen“.

Dem Verkauf wurde Anfang September 1829 von der Erfurter Kirchenverwaltung zugestimmt, vierzehn Tage später auch vom Magistrat der Stadt, allerdings unter dem Vorbehalt, die Scheiben im Inland zu belassen. Damit war zwar Pereira aus dem Spiel, aber es gab weitere Kaufinteressenten, die jedoch von ihrem Vorhaben wieder Abstand nahmen. Inzwischen waren auch zwölf Scheiben demontiert worden. Anfang Oktober 1829 erwog man den Verkauf an den Erfurter Dom, dort aber paßten sie wegen ihrer Größe nicht in die vorhandenen Fensteröffnungen.

Schließlich lancierte das Erfurter Regierungspräsidium den Vorgang an das preußische Königshaus.“Es ist des Kronprinzen Hoheit bekannt geworden, daß bei einer bedeutendsten Einrichtung der dortigen Barfüßerkirche der Verkauf der in derselben befindlichen Glasmalereien an einen Niederländer namens Pereira beabsichtigt wurde. Seine Königliche Hoheit haben für die Erhaltung dieser Denkmäler alter Kunst das lebhafteste Interesse geäußert“, läßt das Ministerium des geistlichen Unterrichts und Medizinalangelegenheiten das Königliche Regierungspräsidium in Erfurt daraufhin wissen.

Am 17. Dezember 1829 endet der Wirrwarr. Friedrich Wilhelm III. läßt mitteilen: „Ich will nicht, daß die Glasmalereien, welche sich in der Barfüßer-Kirche in Erfurt befinden, in fremde Hände kommen, und bewillige auf Ihren Bericht vom 5ten d. M. aus Meinem Dispositionsfonds bei der General-Staats-Kasse den Tagewerth derselben mit 500 rth mit der Bestimmung, daß sie der Kirche verbleiben sollen.“

Mit diesem Akt waren die ältesten Glasmalereien für die Stadt Erfurt gerettet und ein guter Teil der Umbaukosten aufgebracht.

Mehr in dieser Kategorie: Die Glasmalereien »